Skip to content

Pyrenäen 2025 – Haute randonnée pyrénéenne

Tag 7, 07.08.2025

Die Nacht war sehr unerholsam. Zum einen war es richtig warm, sodass selbst ich meinen Schlafsack nicht mal als Decke über mir haben wollte (und das soll was heißen!), zum anderen ist das Pferdethema doch ein größeres Problem für uns. Denkt man ja vorher auch nicht drüber nach… Aber nachdem wir gestern tatsächlich noch mehrere kritische Situationen beobachtet haben, waren Kopf und Körper in permanenter Aufmerksamkeit (und ja, auch ein bisschen Angst). Die Glocken der Pferde können wir nicht richtig orten, sind sie näher gekommen oder sind es doch Schafe? Als der Wecker um 5 Uhr klingelt, empfinden wir das beide als Wohltat. Heute wollen wir besonders früh los, denn die Strecke ist deutlich länger als in den letzten Tagen. Dafür wartet am Ende eine Dusche auf uns und wenn es ganz besonders gut läuft sogar ein Bett.

Unser Zielort lautet Gavarnie, ein kleines Örtchen, das ca. 20km entfernt ist. Vielleicht schaffen wir es heute, vielleicht erst morgen. Beides wäre okay. Da der HRP bis dort aber gemeinsam mit dem GR10 verläuft, haben wir die leise Hoffnung, dass der Weg weniger komplex ist. Zu Beginn geht es bergauf und tatsächlich ist der Anstieg richtig einfach.

Der Weg ist gut – einfach mal normal. Es macht uns irre viel Spaß und je höher wir kommen, desto angenehmer wird auch die Temperatur. Wir sind in unserem normalen (!) Tempo unterwegs und strahlen uns gegenseitig an. Wir können es doch noch! Nun nähern wir uns dem Gletscher von oben und Stefan findet es nahezu frisch.

Ich bin hingegen bei meiner Wohlfühltemperatur. Hinter dem Bergpass wartet allerdings die Sonne auf uns und wird die Temperaturen schlagartig um bis zu 20 Grad erhöhen.

Am Gletscher und dem zugehörigen Berghang sind ebenfalls einige Leute unterwegs. Schon um 5 Uhr, als wir aufstanden, konnten wir dort bereits Kopflampen leuchten sehen. Kein Hobby für uns, aber beeindruckend zu sehen.

In der Sonne angekommen, machen wir die erste Pause zum eincremen. Nur gut 1,5 Stunden haben wir für die fast 600 Höhenmeter gebraucht. Wenn das so weitergeht… Aber wir warten lieber ab. Hinter dem Pass steht die höchstgelegene Schutzhütte der Pyrenäen, das Refuge de Bayssellance.

Wir wollen aber weiter und gehen nun lange Zeit bergab.

Als der Weg nach längerer Zeit noch einmal kurz durch Schatten führt, nutzen wir diesen für eine Pause. Im Gras am Hang sitzen wir und es duftet wunderbar nach Thymian. Auf dem Weg herrscht viel Betrieb. Durch den parallelen Verlauf der beiden Wege ist noch mehr los als sonst. In den Pyrenäen gibt es übrigens drei Arten von Leuten, haben wir festgestellt:

  • Typ 1: Normale Wandernde, so wie wir. Mehrtagesgepäck auf dem Rücken, fürs Zelten gerüstet.
  • Typ 2: Trägt nur minimales Tagesgepäck, wandert damit offenbar von Hütte zu Hütte. Sie haben damit eindeutige Vorteile, müssen aber halt auch in den Hütten schlafen. 😉
  • Typ 3: Die Sportlichen. Wer schafft die Pyrenäen schneller? Der Weg ist ein Wettkampf, die normalen Leute nur ein zusätzliches Hindernis. Es wird gerannt, so schnell es nur möglich ist (und es ist beeindruckend, WIE SCHNELL das auf den Wegen möglich ist! Also auf allen!). Das Gepäck besteht nur aus einem athletisch Trinkrucksack. Geschlafen wird vermutlich in Hütten oder eher einfach kaum. Wahrscheinlich kostet das zu viel Zeit.

Ich bin absolut beeindruckt, wie viele Leute es vom dritten Typen gibt. Über das Geröll würde ich keine 50 Meter rennen können, ohne diverse Knochenbrüche zu erleiden.

Wir gehen daher in unserem Tempo weiter bergab. Immer wieder gibt es Wasserfälle zu sehen und Stefan muss zahlreiche Fotostopps einlegen.

Der Weg hinab zieht sich und zieht sich. Es ist einfach nur warm und das viele Wasser, dass wir trinken, verpufft gefühlt noch währenddessen oder wird augenblicklich in die Schweißproduktion überführt. Bei jeder Gelegenheit gehen unsere Hüte baden, damit die Köpfe ein bisschen abgekühlt werden, aber nichts ist von langer Dauer. Dafür sehen wir am Weg zahlreiche Blumen, schon bekannte, aber auch viele neue. Es ist total schön!

Als wir in der Ebene (~2000 Meter) ankommen, wird die Hitze unerträglich. Die Sonne steht hoch oben am Himmel, Schatten ist nicht vorhanden.

Wir haben bereits etwas über die Hälfte unserer Tageskilometer geschafft und es ist noch nicht mal 12 Uhr. Wie ungewohnt! Nur wird die Strecke nach Gavarnie zusehends länger. Aber wir kommen heute trotzdem an, beschließen wir. Also geht es weiter durch die extreme Mittagshitze. Natürlich könnten wir nun eine längere Pause einlegen, doch die Erfahrungen der letzten Tage haben uns gezeigt, dass die Temperatur nicht vor halb 6 ansatzweise angenehmer wird. Und das ist keine Option.

Für ein Stück folgen wir dem Weg am Fluss entlang, dann geht es wieder ein bisschen bergauf.

Die restlichen Anstiege sind für heute allerdings sehr überschaubar. Wir betreten eine weite Ebene, der wir fast bis zum Abstieg nach Gavarnie folgen werden.

Und die ist beschissen. Im absolut wörtlichen Sinn. Ein Kuhfladen reiht sich an den nächsten. Es ist unglaublich. Dafür sehen wir erstaunlich wenige Kühe. Wir kommen an einer kleinen Schutzhütte vorbei, die aus einem Raum mit ein paar Pritschen besteht.

Nicht schön, aber im Notfall eine gute Lösung. Wir wollen den kleinen Schatten hinter dem Haus für eine kurze Pause nutzen, aber auch hier ist die Lage echt beschissen. Nur diesmal nicht von Kühen. Ich rege mich wahnsinnig auf! Liebe Leute, nehmt eure verdammten Taschentücher wieder mit! Uns macht das auch keine Freude, die benutzten Tücher wieder einzupacken, aber das gehört halt dazu, wenn man wandert und auch nur einen Hauch von Respekt vor der Natur hat!

Unsere Schattenpause fällt demnach aus und wir gehen weiter. Der Weg bleibt einfach, aber die Hitze macht uns fertig. Unser Wasservorrat ist zu gering und wir hoffen auf einen brauchbaren Bach, aber bei der Viehwirtschaft ist das unmöglich. Dennoch füllen wir einen Filterbeutel – falls nichts Besseres kommt (tut es nicht).

Auf dem weiteren Weg fällen wir eine Entscheidung. Die Pyrenäen sind wunderschön. Ohne Wenn und Aber! Auch das Wandern ist echt gut. Sehr anspruchsvoll, aber auch lohnenswert. Nur die Hitze, die ist zu viel. Wir haben im Vorhinein erwartet, dass es warm wird. Was soll auch sonst kommen, wenn man im Sommer nach Nordspanien/Südfrankreich fliegt? Deshalb haben wir unseren Ausgangspunkt direkt in höhere Lagen verschoben und hatten die Idee, dass es dort etwas kühler ist. Und ganz bestimmt ist es das auch. Dass die Temperaturen auf 2500 Metern aber immer noch deutlich über 20 Grad liegen und es sich nachts nicht mehr abkühlt, damit haben wir nicht gerechnet. Die Wetteraussicht für die kommende Woche zeigt steigende Temperaturen, dazu steigt auch die Gewitterwahrscheinlichkeit.

Und wir? Wir sagen: Nein danke. Nicht mit uns. Wir wollen gerne nochmal in den Pyrenäen wandern, aber eindeutig nicht im Sommer. Wir hatten gestern bereits überlegt, ob eine Wegalternative zum HRP vielleicht helfen würde. Die anspruchsvollen Strecken in der Hitze sind gleich doppelt anstrengend. Ein weniger anspruchsvoller Weg könnte helfen. Doch der GR10 oder GR11 führen deshalb häufiger durch die Täler, statt jeden einzelnen Berg mitzunehmen. Das bedeutet noch mehr Hitze und ist gar keine Option.

Aber was ist die Alternative? Erstmal in Gavarnie ankommen und dann werden die Optionen ausgelotet…

Fünf Kilometer vor dem Ort haben wir erstmalig wieder Internet und buchen ein Hotel.

Wir gehen nun nur noch bergab. Zwei Kilometer vor Ende kommen wir an einer bewirtschafteten Hütte vorbei, die für uns eine Oase darstellt.

Auch mit dem gefilterten Wasser haben wir viel zu wenig getrunken. Hier gibt es endlich kuhfreien Nachschub und der tut unendlich gut!

So schaffen wir die letzten Kilometer bis zum Hotel.

Wir sehen aus, als hätten wir uns rollend und nicht gehend fortbewegt. Unsere Körper bestehen quasi aus Staub und Dreck, denn die Natur ist völlig ausgetrocknet und wer auf den Wegen von uns beiden vorausgeht, hüllt den anderen unweigerlich in eine intensive Staubwolke.

Unser Zimmer ist äußerst alt, aber wir würden gerade wirklich alles nehmen, was eine Dusche bietet.

Die ist so klein, dass ich mich nicht zu meinen Beinen oder gar Füßen runterbeugen kann, aber trotz knapp 24km sind wir noch fit und ein bisschen Duschakrobatik ist für mich kein Problem. Die braune Suppe, die im Abfluss landet ist widerlich, aber dann bin ich wieder frisch und auch Stefan darf sich in die Dusche quetschen.

Nach einem kurzen Einkauf im örtlichen Minisupermarkt geht die Planung los. Weiterwandern? Keine Option. Ans Meer fahren und Strandurlaub machen? Nein danke. Wo kämen wir überhaupt hin? Von hier kämen wir per Bus immerhin über Lourdes nach Toulouse. Unser Rückflug wäre erst in zwei Wochen. Der ist also hinfällig. Unsere Laune ist nicht die allerbeste. Wir gehen ohne neuen Plan in ein Restaurant und da dort sehr viel los ist und wir mit einer längeren Wartezeit rechnen müssen, überbrücken wir die Zeit und unseren Frust mit einem leckeren Grimbergen. Das ist nicht direkt Französisch, aber da hier niemand das französische Bier trinkt, nehmen wir auch lieber das uns bekannte.

Das Essen ist sehr gut und zum Nachtisch teilen wir uns noch einen Eisbecher. Der besteht zu gleichen Anteilen aus Eis, Sahne und Likör und hinterlässt einen leichten Schwips bei uns.

Doch während des Essens ist ein Plan gereift, der uns zwar nicht gänzlich glücklich macht, aber eine Lösung darstellt. Wir könnten am Montag nach Frankfurt fliegen und von dort nach Hause wandern. Darauf läuft es also wahrscheinlich hinaus. Gebucht wird noch nichts, stattdessen geht es ins Bett.

Tag 8, 08.08.2025

Die Nacht war wieder warm und nicht erholsam. Als ich um 6 Uhr zur Seite schaue, ist Stefan schon wach. „Bist du schon aufnahmefähig für neue Pläne?“, fragt er. Na logisch!

Eine Stunde später haben wir Flüge gebucht. Aber nicht nach Frankfurt, sondern nach Dublin. Die kommenden zwei Wochen verbringen wir also in Irland. Es fühlt sich sehr verrückt an. Mitten im Urlaub zu wechseln ist neu für uns, aber ehrlich gesagt: Was soll’s.

Die Ausrüstung ist sowieso da, also können wir auch woanders wandern gehen. Auch in Irland ist es warm, aber für irische Verhältnisse. Wir tauschen Berge gegen grüne Hügel, überfüllte Wanderhütten gegen vielleicht überfüllte Pubs, ein paar wenige Mücken gegen Horden von Midgets und die französisch/spanische Sprachbarriere gegen eine irische. Und die ist außerhalb von Dublin nicht zu unterschätzen. Auch wenn das Gegenüber theoretisch Englisch spricht – was da aus dem Mund rauskommt, klingt oft erstaunlich anders. Aber gut, das kann einem in Deutschland ja auch problemlos passieren.

Wir waren zuletzt 2012 auf der grünen Insel und freuen uns nun auf ein Wiedersehen. Wo wir dort wandern, planen wir in den nächsten Tagen.

Heute gibt es erstmal eine Abschiedstour in den Pyrenäen. Denn Gavarnie ist ein besonderer Ort. Blickt man von der Hauptstraße in die Berge, so muss man mehrfach blinzeln. Ist das echt oder nur eine übertriebene Leinwanddarstellung? Die Aussicht ist (zur Abwechslung mal wieder) unfassbar schön!

Als Tageswanderung gibt es hier den Cirque de Gavarnie zu besichtigen, der zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen.

Zuerst gehen wir aber frühstücken. Unser Hotel, das Le Marboré, wird von einem alten Ehepaar geführt. Bis auf die Zimmereinigung machen die beiden alles. Rezeption, Frühstück, Gästeversorgung, Abendessen, Bar und einen kleinen Bäckereiladen nebenan. Es ist eine lustige Mischung aus Organisation und Chaos. Beide sind aber ziemlich auf Zack und haben den Laden im Griff. Das Frühstück ist mal wieder okay. Der Standard scheint hier grundsätzlich einfach nicht sehr hoch zu sein.

Anschließend rufen wir noch unsere Eltern an und berichten von den geänderten Reiseplänen. Dann geht es aber los.

Wir schließen uns der Völkerwanderung zum Cirque de Gavarnie an – anders lässt sich das nicht beschreiben. Zum Glück können wir nach kurzer Zeit abbiegen, denn wir entschließen uns zu einer Rundwanderung, statt nur hin- und wieder zurückzugehen.

Schlagartig wird es ruhiger. Auf dem Wanderweg sind nur wenige Leute unterwegs und zusätzlich führt er durch den Wald bergauf. Die Temperatur, die knapp unter 30 Grad liegt, wird direkt erträglicher. Für mich ist der Weg heute besonders leicht, denn ich habe kein Gepäck. Stefan trägt einen Rucksack mit den nötigsten Sachen. Viel Gewicht hat er also zum Glück nicht.

Der Wanderweg ist einfach toll. Er führt um die Berge herum, unter Felsvorsprüngen entlang und bietet schöne Aussichten.

Allerdings ist die Sicht heute wieder sehr diesig. Das hatten wir auch die letzten Tage schon. Als wir zum eigentlichen Cirque de Gavarnie kommen, sind wir wieder inmitten der Menschenmassen.

Nun geht es hoch zum Wasserfall. Der Weg dorthin ist erstaunlich beschwerlich und im letzten Stück besonders steil und rutschig. Im feinen Geröll finden unsere Füße wenig Halt. Oben angekommen fragen wir uns, weshalb wir dort überhaupt sind. Die Sicht von unten ist logischerweise tausendmal besser, aber wenn man halt schon da ist…

Also kraxeln wir wieder vorsichtig runter und gehen zurück nach Gavarnie. Das Timing ist perfekt. Oben am Wasserfall sah eine Wolke, die langsam über den Berg kam, schon etwas verdächtig aus.

Danach geht es ziemlich zügig. Der Himmel wird zusehends dunkler und schon bald folgt der erste Donner. In Gavarnie gehen wir in eine Crêperie (wenn man schon in Frankreich ist…) und es fängt an zu schütten. Der Regen überdauert zwar unsere Pause, aber wir haben es nicht mehr weit und die Abkühlung ist nicht unwillkommen. Den restlichen Tag verbringen wir mit der Reiseplanung für Irland. Am Abend gehen wir zur örtlichen Pizzeria – eine absolute Empfehlung! Die Pizza ist wirklich wahnsinnig gut!

Kleines Highlight am Rande: Wir sehen den coolsten Hund überhaupt! Er hat nämlich Dreads!

Anschließend fallen wir müde ins Bett. Die Wanderung heute war durchaus wieder anstrengend, insbesondere nach dem Tag gestern. Da kamen wir auf einen Abstieg von 1700 Metern und unsere Knie sind heute doch etwas müde. Wie praktisch, dass die nächsten Tage ruhiger werden.

Tag 9, 09.08.2025

Heute fahren wir nach Lourdes. Vorher steht nochmal das Frühstück auf dem Programm und anschließend checken wir aus. Dabei fällt uns auf, an wen uns die Hotelbesitzer erinnern. Die zwei sind ziemlich genau wie unsere früheren belgischen Nachbarn Emmi und Fons, die mittlerweile bereits verstorben sind. Ein rauer Ton untereinander, immer ein bisschen Hektik, aber trotzdem ganz viel Liebe. Und der Hang zu unnötigem Kitsch ist auch eine unübersehbare Parallele… Wir denken wirklich gerne an die zwei zurück.

Ein paar Meter die Straße runter warten wir an der Bushaltestelle auf den Bus. Dieser kommt pünktlich, da der Busfahrer aber noch ausführlich telefonieren muss, fahren wir mit einiger Verspätung los. Die Busfahrt führt durchgängig bergab und auf der engen Straße ist irre viel los. Der Busfahrer fährt aber zum Glück ruhig und besonnen, sodass wir keine Sorgen vor den vielen engen Kurven haben. Wir nutzen die Busfahrt für ein kleines Pyrenäen-Fazit:

101,09 Kilometer
5.935 Höhenmeter Aufstieg
6.142 Höhenmeter Abstieg

Innerhalb von sechs Tagen, die Tageswanderung in Gavarnie eingerechnet.

Wir wechseln einmal den Bus, der auf uns wartet. Der zweite Busfahrer ist etwas gestresst ob unserer Verspätung und hatte vorher bereits den ersten Busfahrer angerufen, wo er denn wohl bleiben würde. Dementsprechend schnell fahren wir los. Uns ist nicht ganz klar, ob wir die zweite Busfahrt eigentlich hätten bezahlen müssen oder ob die komplette Fahrt mit den 2 Euro pro Person abgegolten ist, aber da niemand bezahlen muss, wird das schon stimmen. Oder wir hatten einfach Glück durch die Verzögerungen.

In Lourdes gehen wir direkt zum Hotel. Offiziell ist der Check-In erst ab 16 Uhr möglich, aber wir können dennoch schon um 13 Uhr auf unser Zimmer. In der Lobby wimmelt es vor Nonnen, Priestern und Pilgern und wir fühlen uns ganz leicht deplatziert.
Wir können aus dem Aufzug in unser Zimmer fallen. Darüber freuen wir uns im ersten Moment. Erst am Abend und in der Nacht werden wir feststellen, dass auch andere Leute den Aufzug benutzen und wir das jeeeedes einzelne Mal hören können. Schön.
Das Zimmer ist für vier Personen ausgelegt, das Bad hingegen eher für 0,5.

Nach einer kurzen Pause gehen wir zu einem Monoprix (Supermarkt) und kaufen Lebensmittel für die ersten paar Wandertage in Irland ein. Das passt zeitlich besser, als erst dort vor Ort einzukaufen.
Ich bin froh, dass ich vorab in einer Googlebewertung gelesen habe, dass der Lebensmittelbereich in dem Supermarkt erst weiter hinten kommt, ansonsten hätten wir den Laden niemals betreten. Wir beginnen in einem Modegeschäft, das urplötzlich zum normalen Supermarkt wird.

Absolut skurril. Die Auswahl ist okay, nur die Sonnencreme suchen wir lange. Statt in der Körperpflegeabteilung steht sie zwischen der Sommerkleidung. Da hätten wir natürlich drauf kommen können. Besonders beeindruckend finde ich, dass es hier tatsächlich noch Flaschen mit LSF 6 gibt. Ich dachte, sowas wäre inzwischen ausgestorben? Wir verzichten trotz der Nostalgiegefühle und greifen zur 30er. Die reicht für Irland hoffentlich aus, 50er gibt es nämlich nicht.

Nachdem die Einkäufe abgeladen sind, stürzen wir uns in die christliche Tourismushölle.

In den zahllosen Souveniershops gibt es jedes noch so unnötige oder hässliche Etwas, dass man entfernt mit Kirche oder Maria in Verbindung bringen kann. Besonders die 5 Liter Kanister begeistern uns. Mit diesen kann man das heilende Wasser für den privaten Vorrat abfüllen, falls eine einmalige Anwendung doch nicht den gewünschten Effekt erzielt.

Ja, das klingt alles etwas zynisch, aber es ist wirklich schlimm hier. Wir kommen uns vor wie in einem sehr seltsamen Freizeitpark. Das Wallfahrtsgelände ist aber zumindest sehr großzügig gestaltet und gefällt uns ganz gut. Positiv ist, dass nirgendwo Eintritt verlangt wird (außer vielleicht beim heilenden Bad, aber uns reichte die Hoteldusche, daher wissen wir das nicht).
Zuerst betreten wir die Basilika Pius X.

Die unterirdische Basilika ist ein gigantischer Betonbau, der dem umgedrehten Rumpf eines Schiffs nachempfunden ist. Hier finden bis zu 25.000 Leute Platz. Das ist kaum vorstellbar. Während wir dort sind, findet eine Messe statt. Ein spanischer Chor singt ganz wundervoll und die beiden Solisten beeindrucken besonders. Die Akustik in der Basilika ist perfekt für den Chorgesang. Wir ziehen dennoch weiter, denn es gibt noch weitere Kirchen, Basiliken etc. zu entdecken.

Die Hauptkirche ist pompös mit zahlreichen farbenfrohen Mosaiken und einer Kuppel ausgestattet. Sie befindet sich im Erdgeschoss. Dort findet gerade keine Messe statt. Eine Etage weiter oben ist eine klassische Kirche und noch eine Etage darüber das Mausoleum mit einer sehr kleinen Basilika. Dort findet Messe Nr. 2 statt, auf Französisch.

Der Platz oberhalb der Marienerscheinung wurde also optimal genutzt.

Nachdem wir alle drei Kirchen(anteile) besichtigt haben, gehen wir hinab zu den Wasserzapfstellen. Wir verzichten auf das Wasser, sehen den Leuten aber interessiert beim Befüllen der Flaschen und Kanister zu oder auch beim Trinken und Waschen. Ein paar Meter weiter ist die Felsenhöhle zu sehen in der Bernadette Soubirous mehrfach Erscheinungen einer weiß gekleideten Frau gehabt haben soll. Die Kirche war der Meinung, dass das wohl eine Marienerscheinung war und so wurde Lourdes zum Wallfahrtsort. In der Felsgrotte findet eine Messe auf Italienisch statt.

Auf dem Rückweg kommen wir noch an weiteren Messen vorbei. Es ist also vermutlich problemlos möglich, sich den Tag über von Messe zu Messe zu begeben, sofern man das möchte.
Übrigens besitzt Lourdes auch heute noch eine so große Anziehungskraft, da weiterhin Wunder geschehen – zuletzt 2013. Inzwischen ist die Kommission zur Beglaubigung der Wunder allerdings ziemlich streng. Die aktuelle Wissenschaft sorgt wohl dafür, dass längst nicht mehr alles ein Wunder ist. Oh Wunder.

Zum Abendessen geht es in ein indonesisches Restaurant und da wir inzwischen wissen, dass in Frankreich frühestens um 19 Uhr gegessen wird, haben wir den Laden um 18.15 Uhr quasi für uns. Sehr angenehm, vor allem bei dem Gewusel in der Stadt.

Den Abend verbringen wir mit dem Portionieren des Essens für Irland, dann schauen wir noch einen Film. Die Stadt ist irre laut, trotz geschlossener Fenster. Gegen 23 Uhr lässt der Lärmpegel einen Hauch nach und auch die Temperaturen fallen, allerdings kaum merklich.

Es ist sooo warm.

Lourdes sorgt dafür, dass wir uns nun richtig nach Irland sehnen. Die Stadt ist zu warm, zu laut und einfach hässlich. Mal sehen, was morgen in Toulouse auf uns wartet.

Tag 10, 10.08.2025

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Wir sind sehr, sehr müde. Die Nacht war zu warm, zu laut und die Pilgerschaft viel zu früh auf den Beinen. Ich weiß nicht, wie viele Leute den Aufzug benutzt haben. Den Geräuschen nach zu urteilen mindestens 1000.

Stefan wiederholt den Tag über immer wieder das Fahrstuhlgeräusch. Das hat sich wohl nachhaltig eingebrannt.

Auf dem Weg zum Bahnhof halten wir an einer kleinen Konditorei und gönnen uns beide noch ein kleines Stück französischer Backkunst – eine Tarte Citroen und eine Schokoladenéclair. Die naschen wir aber erst später.

Die Zugfahrt nach Toulouse ist nicht spannend. Wir verbringen die Zeit damit, „Stranger Things“ von vorne anzufangen. Dann sind wir zur finalen Staffel auch wieder up to date. Von Toulouse erwarten wir gar nichts. Insbesondere nach dem Tag in Lourdes.

Deshalb sind wir vollkommen überrascht, als wir nach wenigen Gehminuten vom Bahnhof entfernt durch eine wunderschöne Stadt spazieren.

Alles ist großzügig, freundlich und sehr sauber gestaltet. Die Häuser sehen toll aus mit ihren verschnörkelten Balkonen und es ist sehr ruhig. Das liegt aber vermutlich eher am Sonntag und den geschlossenen Geschäften. Wir sind hellauf begeistert. Nur die Temperaturen verderben das Erlebnis etwas. Das Thermometer klettert im Laufe des Nachmittags auf 37 Grad und wir wollen nur noch irgendwo im Schatten sitzen und uns so wenig wie möglich bewegen.

Doch was wir von Toulouse sehen, ist einfach super. Die Stadt ist sehr Fußgänger- und Radfahrerfreundlich. Es gibt viele autofreie Zonen, unter anderem auch auf den großen Brücken, die über die Garonne führen. Eine Brücke ist eine Einbahnstraße, daneben gibt es eine Bus- und eine ebenso große Radspur. Die andere Brücke ist komplett für Autos gesperrt. Dort gibt es neben dem Rad- und Fußweg jede Menge Sitz- und Liegemöglichkeiten. Es sieht so hübsch aus und die Idee der Umgestaltung ist schlicht großartig. So schön kann eine Verkehrswende in (großen) Städten aussehen! Man muss es halt nur machen.

Wir legen unsere erste Pause in einer Kombination aus Biergarten und Foodmarkt ein.

Der existiert nur im Sommer und ist super schön gestaltet. An den Eingängen gibt es eine Taschenkontrolle. Der Kontrolleur nimmt es in unserem Fall aber nicht so genau und wirft nur einen Blick auf die oben geöffneten Rucksäcke. Nicht ganz sinnvoll, aber für alle Beteiligten nervenschonend.

Die kalten Virgin Mojitos tun gut und nur die Vernunft hält uns davon ab, das Resteis in unseren Bechern in unsere Kleidung zu schütten. Schade eigentlich, wenn man immer so vernünftig ist.

So gut uns der Platz auch gefällt, die dünnen Sonnensegel sind kein ausreichender Schutz und unsere Suche nach Schatten geht weiter. Wir wollen am Stadtstrand fündig werden. Es dauert ein bisschen, bis wir den Zugang finden. Auch hier wird wieder kontrolliert, denn der Stadtparkstrand wird während der Sommermonate als besondere Attraktion gestaltet. Kontrolleur Nr. 1 weist uns ab, als er erfährt, dass in unserem Gepäck eine Kamera ist. Er schickt uns zum nächsten Kontrolleur am nächsten Eingang. Dieser sagt uns, dass wir mit den Rucksäcken nicht auf das Gelände könnten. Dann halt nicht, denken wir. Doch er versucht uns dann noch irgendwie verständlich zu machen, dass wir die Rucksäcke irgendwo einschließen könnten. Da unser sämtliches Hab und Gut in den Rucksäcken steckt, werden wir weitergehen – beschließen wir gerade, da ruft er uns erneut zurück. Die Unterhaltung ist aufgrund einer gegenseitigen Sprachbarriere etwas mühsam. Er winkt uns rein, schickt uns zu einer jüngeren Kollegin, die aber auch nicht weiß, was sie mit uns anfangen soll. Wir erklären ihr, dass wir einfach nur irgendwo sitzen wollen. Da wir keine Messer oder Glas dabeihaben, können wir dann doch mit Sack und Pack auf das Areal.

Es wird wirklich viel für Familien geboten. Zumindest in dem kleinen Bereich, den wir sehen. Wir schnappen uns aber nur zwei Liegestühle, ziehen sie in den Schatten und harren aus, bis wir es auch im Schatten nicht mehr aushalten. Es ist zu heiß.

Der Rückweg zum Bahnhof wäre nun zwei Kilometer lang und wir wollen einfach nicht mehr. Also buchen wir über Volt ein Taxi, das uns für 12 Euro direkt zum Flughafen bringt. Dafür lohnt es sich wirklich nicht, erst durch die Hitze zu wanken und dann noch auf den Zug zu warten.
Während der Fahrt fragt Stefan sich, ob wir eventuelle Knöllchen auch noch bezahlen müssen, denn der Fahrer hat einen äußerst rasanten Fahrstil. Zeit ist halt Geld.

Wir sind zwar viiiiiiel zu früh am Flughafen, aber dieser ist klimatisiert und nur das zählt gerade.
So verbringen wir die Zeit bis zum Flug. Um 22.45 Uhr geht es los. Auf nach Dublin!
Alles klappt reibungslos und als wir gerade am Gepäckband ankommen, liegen unsere Rucksäcke bereits darauf. Das ist mal schnell!

Wir sind unfassbar müde und froh, dass wir nur noch ein Stück über das Flughafengelände zum Radisson Blu gehen müssen. Unser Zimmer ist riesig, aber es könnte auch winzig sein. Uns wäre das gerade sehr egal. Wir haben nur Augen für das Bett und liegen um 0.45 Uhr irischer Zeit darin.

Angekommen!


Fortsetzung folgt…

Comments (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

An den Anfang scrollen