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Pyrenäen 2025 – Haute randonnée pyrénéenne

Anreise, 01.08.2025

Wir haben es tatsächlich geschafft, schon am letzten Sonntag nahezu all unser Gepäck zurechtzulegen. Dementsprechend ist heute nicht mehr so viel zu tun wie sonst. Haben wir nach all den Jahren doch noch dazugelernt?

Stefan arbeitet nur eine Stunde, dann läutet er den Urlaub ein. Ich versuche mich derweil ein zweites Mal an Müsliriegeln, da der gestrige Versuch in einer großen Portion Müsli endete. Da dürfen sich nun meine Eltern drüber freuen. Der zweite Versuch ist auch nur von mäßigem Erfolg gekrönt, aber egal. Die Portion nehmen wir dennoch mit.

Mit viel Ruhe räumen wir noch auf und als meine Eltern um 13.45 Uhr vor der Tür stehen, muss nur noch der Müll raus. Dann geht es los. Wir fahren nach Kempen zum Bahnhof und verabschieden uns. Nicht ganz ohne Anspannung stehen wir am Bahngleis und warten auf den Zug. Der kommt pünktlich und wir sind ein bisschen erleichtert. Aber nur ein bisschen. Da es in unserem Dorf keinen Bahnhof gibt, fehlt uns grundsätzlich die Bahnroutine. Die (Un-)Zuverlässigkeit der Bahn ist ohnehin bekannt, ein gewisser Nervenkitzel fehlt also nie, insbesondere nicht, wenn man zum Flughafen muss. Doch ausgerechnet heute gibt es ein großes Bahnchaos, da Vandalismus für einen Komplettausfall der Strecke Duisburg – Düsseldorf sorgt. Das betrifft unsere Strecke eigentlich erstmal nicht, hat aber Auswirkungen auf den gesamten Bahnverkehr.

Am Krefelder Hauptbahnhof steigt ein intensiver Fischgeruch in unseren Zug. Puh! Wer auch immer den mitgebracht hat, entfernt sich aber zum Glück weit genug, sodass der Geruch sich verflüchtigt. Auf der restlichen Strecke bleiben wir mehrfach stehen, kommen aber insgesamt gut durch. Kurz vor dem Düsseldorfer Hauptbahnhof ist der Fischgeruch wieder da. Und da entdecke ich den Verursacher. Ein Mann trägt eine Firmenjacke, auf der ein Hummer abgebildet ist. Ich frage mich, ob er den Geruch wohl selbst noch wahrnimmt?

Vom Hauptbahnhof können wir zeitig die Bahn zum Flughafen nehmen. Durch die Verzögerungen unterwegs können wir unser Gepäck direkt aufgeben.

Da wird für diese Tour mit Trailrunnern unterwegs sind, müssen wir endlich mal keine Schuhe beim Securitycheck ausziehen. Sehr angenehm! Vor uns steht eine Gruppe Männer in der Schlange zum Körperscanner und entweder sind sie miteinander verwandt oder das Freundschaftskriterium Nr. 1 ist eine Körpergröße von deutlich über zwei Metern. Die Herren dürfen sich einer individuellen Untersuchung unterziehen, denn der Scanner funktioniert nur bis zu einer Größe von zwei Metern. Stefan fühlt sich erstaunlich klein.

Anschließend wird mein Handgepäck rausgezogen. Ich tippe auf die ganze Technik, doch nein: die Packung getrocknete Aprikosen wird auf Sprengstoff getestet. Der Test fällt negativ aus und wir können in aller Ruhe auf das Boarding warten.

Der Flieger startet mit 40 Minuten Verspätung, verläuft aber entspannt. Zum ersten Mal sitzen keine tretenden Kinder hinter uns. Wie angenehm!

Der Flughafen in Bilbao ist sehr hell und freundlich. Das Gepäck kriegen wir zeitig und auch das Ticket für den Bustransfer in die Stadt ist schnell gekauft. In Bilbao halten wir am Busterminal und der ist wirklich beeindruckend und wahnsinnig klug gebaut! Mitten in der Stadt liegt der riesige Busbahnhof, aber unterirdisch.

Kein Verkehrschaos, perfekte Ordnung. Wir versuchen direkt einen Überblick für den morgigen Bus zu bekommen, scheitern aber. Egal, erstmal zum Hotel und dann findet sich das schon.

Das Ibis Budget ist nach 500m Fußweg erreicht und für eine Nacht völlig in Ordnung. Unser Zimmer liegt im zweiten Stock und natürlich nehmen wir die Treppe statt Aufzug. Da auf jeder zweiten Treppenstufe die verbrannte Kalorienanzahl angebracht ist, motiviert uns das zusätzlich.

Wobei die Zahl genaugenommen so gering ist, dass man schon sehr viele Treppen laufen muss, damit sich das lohnt… Aber das sollte während der nächsten Wochen wohl kein Problem sein.

Im Zimmer versuchen wir uns an der Onlinebuchung für den Bus nach Pamplona morgen, scheitern aber an unserer deutschen Handynummer. Als ich nach mehreren Versuchen leicht frustriert die deutsche Vorwahl weglasse, klappt es.

Zum Abschluss des Abends telefonieren wir noch mit Evelyn und Christoph, die gerade in Norwegen sind und eine Probetour für NPL 2026 machen wollten. Nach drei Tagen mussten sie allerdings umkehren und sitzen nun wieder in ihrem Bus in Geilo. Wir tauschen uns über ihre Erlebnisse aus, berichten von unseren Urlaubsplänen und dann ist es Zeit zum Schlafen.

Tag 2, 02.08.2025

Das Hotelfrühstück ist okay. Die Auswahl beschränkt sich überwiegend auf Süßes, sofern man kein Fleisch isst. Für einen Mann in meinem Blickfeld stellt das kein Problem dar. Er frühstückt eine Schale voller Geflügelaufschnitt und dazu noch ein gekochtes Ei. Das Ganze spült er mit einem Glas Milch runter. Einen Proteinmangel hat er sicherlich nicht.

Um viertel nach acht sind wir startklar und machen uns wieder auf den Weg zum Busbahnhof. Unsere Busverbindung wird nicht angezeigt, bzw. schon, aber durch eine andere Organisation. Wir fragen sicherheitshalber am Schalter nach, ob unsere Tickets richtig sind und die Dame bejaht das, ergänzt aber vehement, dass wir zukünftig besser über ihre Organisation buchen sollten. Das wäre wirklich viel, viel besser. Was daran viel, viel besser ist, erklärt sie nicht. Und ich frage nicht. Hauptsache unser Bus fährt, alles andere ist uns ziemlich egal.

Um zum Bus zu gelangen, müssen wir in das zweite Untergeschoss. Dort kommen wir erst 20 Minuten vor Abfahrt hin, vorher lassen einen die Ticketscanner nicht durch. Ein wirklich gutes System, das Chaos und zu viel Andrang an den Haltestellen verhindert. Unser Busfahrer wirkt etwas verzweifelt, als wir unsere Tickets zeigen. Die QR-Codes sind eigentlich leicht zu scannen – sofern man einen Scanner hat. Stattdessen muss er nun unsere Buchungsnummern abgleichen. Aber auch das funktioniert.

Die Verständigung ist übrigens äußerst schwierig. Meine Spanischkenntnisse sind sehr gering und selbst wenn sie besser wären – das Sprechtempo lässt mich nur ratlos dreinblicken. Immerhin können wir uns mit ¿Usted habla ingles? (Sprechen Sie Englisch?) ein bisschen weiterhelfen und für die kommenden Wochen hoffe ich auf Geistesblitze bei den abendlichen Babbel-Lektionen.

In Pamplona haben wir 1,5 Stunden Aufenthalt. Wir gehen zu einem Decathlon, um eine Gaskartusche zu kaufen. Es gibt noch genau eine Schraubkartusche, allerdings mit 900ml Inhalt. Das ist viel zu viel Gas, aber wir nehmen sie trotzdem mit, falls wir in Candanchu, unserem Ausgangspunkt, keine mehr bekommen. Auf dem Rückweg kommen wir an einem Mann vorbei, der beherzt den Speichel der letzten Wochen sammelt (so hört es sich jedenfalls an) und schwungvoll auf die Straße rotzt. Währenddessen telefoniert er. Ich bin gleichermaßen angewidert und beeindruckt, wie egal manchen Menschen alles um sie herum sein kann.

Bis Candanchú fahren wir mit zwei weiteren Bussen. Erst über Jaca, dann immer weiter bergauf bis Candanchú. Alles klappt problemlos. Den letzten Bus müssen wir bar bezahlen, aber wir sind darauf eingestellt. Seit Jahren haben wir mal wieder einen größeren Bestand Bargeld dabei.

In Candanchú checken wir in das Hotel Edelweiss ein.

Von außen kein Highlight, von innen zwar alte, aber gemütliche Österreich-Vibes. Das Bett in unserem Zimmer ist so groß, dass Stefan mich mit voll ausgestrecktem Arm gerade berühren kann. In der Nacht werden wir uns wohl kaum in die Quere kommen. Wahrscheinlich sollten wir das nochmal genießen, bevor wir im Zelt liegen.

Das Beste an unserem Zimmer ist aber der Ausblick! Wir schauen direkt in die Berge. Von unserem Wintergarten/Balkon aus genießen wir den restlichen Nachmittag die tolle Aussicht.

Nur einmal geht es kurz zum kleinen Einkaufsladen für ein kleines Dosenbier und Wasserflaschen für die Tour. Außerdem gibt es dort eine deutlich kleinere Gaskartusche (auch wenn die immer noch größer ist als unsere normalen).

Zum Abendessen gehen wir ins Hotelrestaurant. Stefan entscheidet sich für das Drei-Gänge-Menü, ich nehme eine Gemüsepizza. Eine Veggieoption im Hauptgang ist nämlich nicht möglich. Aber eigentlich ist das Glück, denn so können wir Vorspeise und Dessert teilen. Das ist nämlich alles ganz schön reichhaltig. Stefans Hauptgang trägt den interessanten Namen „Pork lizard“. Zum Glück handelt es sich dabei nicht um eine besonders fleischige Echse, sondern um ein bestimmtes Fleischstück des Iberico Schweins. Meine Pizza ist super, besteht aber aus so viel Käse, dass ich davon auch locker zwei Tage hätte essen können. Dementsprechend reichen mir zwei Löffel vom spanischen Milchreis, den Stefan als Dessert gewählt hat.

Anschließend gehen wir noch ein paar Schritte raus, aber es ist richtig kalt geworden und wir sind außerdem ziemlich müde, sodass es schon bald ins Bett geht.

Tag 3, 03.08.25

Zwar ist das Bett riesig, aber die Decken sorgen doch für etwas Unruhe in der Nacht. Statt eines (für uns) normalen Bettbezugs ist das Oberbett einfach zwischen zwei Laken gelegt, wobei das untere an der Oberseite einmal über das obere Laken umgeschlagen ist. Das Konstrukt hat eindeutig Verhedderpotential.

Das Frühstück ist wieder okay, aber mehr auch nicht. Dass wir die nächsten Tage unser Müsli essen, ist im Vergleich nicht wirklich ein Verlust. Bis wir startklar sind, ist es 10 Uhr. Tschüss Hotel, hallo Haute Route Pyrénéenne!

Für die ersten vier Kilometer folgen wir der Straße, dann geht es bergauf, bergauf, bergauf. Wir wollten in die Berge, also los.

Auf unserem Weg ist wahnsinnig viel Betrieb. Jede Menge Leute, die offensichtlich eine Tagestour machen. Ein Teil geht ebenfalls hoch, viele kommen uns entgegen. Sie haben wahrscheinlich die Seilbahn auf den Berg genommen und wandern nur eine Strecke.

Der Himmel ist strahlend blau und die Sonne scheint. Uns ist also richtig warm und die Höhenmeter tun ihr Übriges dazu.

Wir lassen es langsam angehen und versuchen jede Stunde eine Pause zu machen. Das klappt gut. Als wir den ersten Aufstieg hinter uns gebracht haben, öffnet sich vor uns ein beeindruckendes Tal, das von hohen Bergen umschlossen ist. Wunderschön! Das würde ich mir als Tagesausflug auch nicht entgehen lassen.

In dem Tal weiden Schafe, Kühe und Pferde. Die Schafe werden von mehreren Hütehunden von A nach B gelotst und da sämtliche Tiere (alle, nicht nur die Schafe) eine Glocke tragen, ist die Geräuschkulisse hoch.

Für uns geht es nun bergab. Gegen 13.30 Uhr ergattern wir hinter einem großen Felsen ein paar Zentimeter Schatten und legen eine längere Pause ein. Dabei beobachten wir ein paar Steinadler, die am Berg uns gegenüber ihre Kreise ziehen. Es ist wunderschön anzusehen.

Nach der Pause geht es steil bergab und unsere Beine werden ordentlich gefordert.

Es ist weiterhin sehr viel los, doch langsam nehmen die Leute mit Mehrtagesgepäck zu. Hoffentlich wollen die nicht alle in unsere Richtung.

Am tiefsten Punkt strecken wir unsere Beine in der Nähe eines Bachs aus. Das tut gut!

Um uns herum hören wir neben dem Glockengebimmel mal leiseres, mal lauteres Grillengezirpe. Das begleitet uns den ganzen Tag und wir sehen etliche der kleinen und manchmal gar nicht so kleinen Tiere. Zusätzlich huschen immer wieder Eidechsen über die Wege. Es ist also nicht nur in menschlicher Hinsicht viel los.

Nach der Pause folgt der nächste große Aufstieg. Ein paar Meter dürfen wir noch geradeaus gehen und erneut an ein paar Kühen vorbeiwandern.

Wir sind zugegebenermaßen sehr überrascht, als neben den Kühen zwei Schweine auftauchen, die gemächlich durch die Landschaft tapern.

Ab unserer Abzweigung wird es dann vergleichsweise still. Zwar begegnen uns bis zum Abend regelmäßig Leute, doch das ist kein Vergleich zu vorher.

Die Nachmittagssonne heizt uns beim Aufstieg ordentlich ein. Wir kommen Schritt für Schritt voran und nutzen jede kleine Schattenstelle für eine Stehpause.

Im Gegensatz zu heute Morgen sind wir nun in Frankreich. Ich brauche einen Moment, um von ¡Hola! auf Bonjour! umzusteigen und mein Gehirn fragt verzweifelt, wie es die verschiedenen Sprachen sortieren soll. Wenn es nicht Englisch oder Deutsch sein soll, ist Norwegisch aktuell immer noch prominent vertreten. Das bringt mir hier allerdings wirklich gaaar nichts. Englisch allerdings auch nicht so häufig, denn die Antwort auf die Frage, ob unser Gegenüber Englisch spricht, lautet überwiegend no/non. Naja, wir haben ja noch knapp drei Wochen Zeit um unsere Sprachfertigkeiten zu verbessern und irgendwie klappt es schließlich doch immer.

Als wir auf einer Anhöhe stehen und Stefan zur Seite schaut, sehe ich, wie ca. 20 Meter entfernt unter uns ein recht großes, sehr felliges rot-braunes Tier über den Wanderweg kreuzt. Für einen Fuchs sah es zu breit aus, aber ohne Internet kann ich aktuell keine weiteren Nachforschungen anstellen.

Kurz bevor die letzten 200 Höhenmeter des Aufstiegs anstehen, sehen wir, dass diese im unteren Teil über ein Geröllfeld bergauf führen. Ich freue mich über die Steine, bei Stefan überwiegt jedoch die Müdigkeit. Und die und Steine sind keine gute Kombination. Also beenden wir den Wandertag kurzerhand, da ein perfekter Zeltplatz vor uns liegt.

Nach 15 km und 1.176 erwanderten Höhenmetern sind wir für den ersten Tag mehr als zufrieden. So verbringen wir die erste Nacht auf 2160 MüN und genießen die Blicke auf die Berge um uns herum.

Wir verbringen die Zeit bis 19 Uhr mit Lesen und Schreiben. Dann hole ich Wasser, während Stefan das Zelt aufbaut.

Offiziell darf man in den meisten Gegenden zwischen 19 und 9 Uhr biwakieren. Dass die meisten Leute ihr Zelt aufbauen, wird toleriert. Natürlich halten sich nicht alle an die Aufbauuhrzeit, aber da wir einen Platz nah am Weg haben, nehmen wir es lieber genau.
Nach dem Essen waschen wir uns im See noch den gröbsten Staub des Tages vom Körper. Und dann wird geschlafen.

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